Hartz-IV-Computer

Hartz-IV-Empfänger brauchen keine Computer, sie haben ja Fernseher: So absurd urteilen deutsche Sozialgerichte. Ausgerechnet die Schwächsten werden von moderner Kommunikation abgeschnitten.

Fernseher statt Internet

Ein Fernseher ist nach der deutschen Abgaben- und Zivilprozessordnung unpfändbar, weil er die Grundversorgung mit Informationen gewährleistet – ein internetfähiger Computer dagegen nicht. Die Anschaffung eines solchen Geräts taucht in den Hartz-IV-Regelsätzen nicht auf.

In den 359 Euro im Westen sind zwar rein rechnerisch Ausgaben für „Internet/Onlinedienste“ (3,18 Euro) und „Datenverarbeitung inkl. Software“ (2,62 Euro) enthalten. Wer sich als Hartz-IV-Empfänger aber einen Rechner kaufen will, kommt kaum durch. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel lehnte ein Amt den Antrag einer Frau auf einen Computer ab. Sie wollte dagegen klagen, beantragte beim Sozialgericht Prozesskostenhilfe – und scheiterte. Begründung des Landessozialgerichts: Die Klage sei aussichtslos, denn ein Haushalt lasse sich „ohne Probleme ohne einen PC führen“. Zur Grundversorgung mit Informationen reichten Fernseher und Radios.

Die Argumentation mag juristisch Bestand haben – aber passt sie noch in diese Welt?  In den meisten Berufen müssen die Menschen mit Computern so selbstverständlich umgehen wie mit der Sprache. Wie soll das gehen, wenn kein Rechner zur Verfügung steht?

Netz der Wohlhabenden

Die Statistik zeigt: Je reicher deutsche Bürger sind, desto eher haben sie einen Zugang zum Internet. Diese Tatsache dokumentiert seit Jahren der (N)Onliner-Atlas des Marktforschungsunternehmens TNS Infratest (PDF- Dokument). Die aktuellen Zahlen:
92 Prozent der Deutschen mit mehr als 3000 Euro Haushaltsnettoeinkommen im Monat sind online.
80 Prozent der Einkommensschicht zwischen 2000 und 3000 Euro sind online.
51,5 Prozent der Personen Einkommensschicht unter 1000 Euro nutzen das Netz.

Aus der Ungleichheit, dass die einen Zugang zum Netz haben und die anderen nicht, wird Ungerechtigkeit – nämlich wenn die Benutzung des Netzes einen “exklusiven Zuwachs an zentralen Lebenschancen” mit sich bringt.

Wie wichtig ist ein Rechner im Leben? Sollte ein Internet fähiger Computer ebenfalls nicht pfändbar sein und zur Grundausstattung gehören?

Quelle: SPIEGEL.de /Konrad Lischka

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,706047,00.html

4 Reaktionen zu “Hartz-IV-Computer”

  1. Annette

    Ich selbst bin aus gesundheitlichen Gründen auch Hartz IV Empfänger und habe bis vor vier wochen auch keinen Computer besessen. Im Amt wird man immerwieder auf die Arbeit mit dem Internet hingewiesen- aber wie soll man das wenn man nichts der gleichen besitzt. In unserem Zeitalter, da ja alles nur noch über Internet abzuwickeln ist, müßte zu jedem Haushalt ein Computer mit Internetzugang vorhanden sein.Egal welcher Schicht man angehört. Statt Sinnlose und teure Fortbildungen bzw Umschulungen zu finanzieren sollte man sich darüber mal Gedanken machen. Übrigens, ich habe meinen Computer von meinem Sohn geschenkt bekommen, selbst hätte ich mir nie einen leseisten können.

  2. Bahnanlage

    Und so Urteilt man im 21. Jahrhundert, in einer Zeit wo alles (einkaufen, online-banking, sich informieren usw.) nurnoch über den PC bzw. das internet abgewickelt werden kann! Auch finde ich es ungerecht, dass man nur weil man hartz 4 empfängt auf die moderne technik und damit auch auf die funktionen dieser verzichten soll…. Ohne internet ist man doch vom rest der welt abgeschnitten! Ein Internetfähiger PC sollte zur Grungasstattung eines jeden Hauhaltes gehören!

  3. Altbau

    Hartzer und PC. Was macht er damit? Bewerbung schreiben: 1x evtl. 2x Formulare erstellen.
    Lebenslauf schreiben und Bewerbungsmappe entwerfen. Gut.
    Stellenangebote suchen. Auch gut.
    summa summarum: der PC wird effektiv nur ne Stunde(und das ist viel) genutzt.
    online einkaufen….zu teuer, wegen der Versandkosten. Bekommt man meist auch *um die Ecke*, und auch billiger.
    und was noch??
    spielen, songs downloaden, chatten……….
    und die Betriebskosten steigen, da auch LCD-Monitor, Drucker und der Power-PC nicht wenig verbrauchen.
    Das, was man wirklich als Hartzer benötigt, bekommt man im Internetcafe, bzw.bei den Jobcentren/ARGE kostenlos.
    Nun ja, ein eigener PC ist ja auch ok. aber muss ja nicht der neueste sein oder?
    und einen Preisgünstigen findet man auch schon ab 50 € im bundle.(mit monitor, maus und tastatur)

  4. Froggy09

    Seit dem 1.Geburtstag meines Sohnes bin ich nun auch hartzIV-Empfänger, bisher konnte ich mir trotz Arbeit keinen PC leisten und es war okay, bis ich meiner Vermittlerin meine handgeschriebenen Bewerbungen zeigte, war klar, dass ich wohl doch einen brauche, ich bekam einen geschenkt. In einem kleinen Ort ist man schlecht mit Internetcafe und mich mit einem einjährigen hinzusetzen und Bewerbungen zu schreiben, wie soll das gehen, ich habe ja nachgefragt, ob es da eine Kinderbetreuung gibt, aber es gibt ja nicht mal einen Wickelplatz.
    Es ist traurig, dass eine handgeschriebene Bewerbung keinen Wert hat.

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