Wie das Netz Vertrauen schafft

Angeregt durch einen Beitrag bei Netzwertig.com habe ich mir mal Gedanken darum gemacht, wie auch bei uns das Netz Vertrauen schafft.

Das Netz macht Menschen transparenter denn je, mit negativen und positiven Folgen. Noch nie war es leichter, die Vertrauenswürdigkeit von Wildfremden zu beurteilen.

Am 16. März gab Blogger und Journalist Konstantin Winkler bei Twitter bekannt, dass er sein Ticket für die diesjährige re:publica verkauft. re:publica ist eine der größten Konferenzen in Deutschland rund um Blogs, das Social Web und die Digitalisierung. Sie findet vom 14. bis 16. April in Berlin statt.

Konstantins Tweet lies mich aufhorchen, denn ich hatte mir vorgenommen, dieses Jahr auch zur re:publica zu fahren. Die günstigsten Tickets waren jedoch schon ausverkauft, und so dachte ich mir, warum nicht 20 Euro sparen, indem ich Konstantin sein rabattiertes Blogger-Ticket abkaufe?!

Also schaute ich auf seinem Twitter-Profil nach, fand dort die die URL seiner Website und auf dieser dann seine E-Mail-Adresse. Ich nahm per Mail Kontakt mit ihm auf, signalisierte mein Interesse, er antwortete mit seinen Kontodaten, woraufhin ich ihm das Geld überwies. Nach dessen Eingang erhielt ich von Konstantin das PDF-Ticket für die re:publica.

Und warum erzähle ich das? Konstantin und ich haben, soweit ich mich erinnere, noch nie ein Wort miteinander gewechselt – weder persönlich noch digital. Wir kannten uns also nicht – und doch herrschte ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen uns: Denn wir folgen einander schon seit einiger Zeit bei Twitter. Wahrscheinlich länger als ein Jahr.

Konstantins Twitter-Kürzel “Konni” und sein Profilbild habe ich in dieser Zeit somit viele Male in meinem Twitter-Stream auftauchen gesehen – häufig nur unbewusst, aber das war ausreichend, damit Konstantin in meinen Augen nicht mehr den Status eines “Wildfremden” hatte. Obwohl er eigentlich genau das war.

Hätte ich einem Wildfremden einfach so 70 Euro überwiesen, ohne Absicherung, um nicht am Ende einem Betrüger auf den Leim zu gehen? Vermutlich nicht. Doch ohne dass ich mir vorher darüber im Klaren war, übernimmt ein kontinuierlich gepflegtes Twitter-Dasein offenbar die Rolle eines Glaubwürdigkeitsindikators.

Wer über einen langen Zeitraum hinweg in meinem Twitter-Stream auftaucht, ohne dass ich den Drang verspüre, ihn von dort zu entfernen, wer wie Konstantin mit 1000 Followern gut vernetzt ist und noch dazu ein positives Following:Follower-Verhältnis aufweist, und wer auf eine persönliche Webpräsenz verweist, die ausführlich und transparent Auskunft über sich gibt, erwirbt sich dadurch automatisch einen hohen Vertrauensvorschuss. Einer Person mit gutem Gewissen Geld überweisen zu können, ohne jemals zuvor eine Konversation miteinander gehabt zu haben, ist ein ziemlich seltsames, da ungewohntes Gefühl.

Harvard-Blogger Umair Haque behauptet, die zunehmende Vernetzung im Social Web hat keine merklichen Vertrauenszuwächse mit sich gebracht. Das soeben beschriebene Beispiel beweist zumindest in meinen Augen das Gegenteil. Neben Konstantin gibt es Hunderte weiterer Menschen, mit denen ich mich auf ähnliche Vereinbarungen einlassen könnte – Menschen, denen ich bei Twitter folge, deren Blogs ich regelmäßig lese oder mit denen ich über Xing verbunden bin.

Viele davon habe ich noch nie von Angesicht zu Angesicht getroffen, und mit einer ganzen Reihe noch nicht einmal ein “Hallo” ausgetauscht. Und dennoch hätte ich kein Problem damit, mich mit ihnen auf eine Transaktion einzulassen, ganz ohne Kaufvertrag oder den Zwang zur persönlichen Übergabe von Geld gegen Ware.

Manch einer möge das als naiv bezeichnen, aber das bin ich nicht. Ich beurteile ganz einfach die Vertrauenswürdigkeit von Personen anhand von Faktoren wie Transparenz, Reputation, Sichtbarkeit im Netz, Qualität ihrer Arbeit oder anhand ihrer Vernetzung mit anderen von mir geschätzten Personen.

Je konsistenter, authentischer und glaubwürdiger das von einem Social-Web-User abgegebene Bild im Netz wirkt, desto geringer ist nach meiner Erfahrung das Risiko, es mit einem Betrüger oder einem unzuverlässigen “Partner” zu tun zu haben. Andersherum betrachtet: Handelt es sich um eine zwielichtige Person mit zweifelhaften Motiven, dann merke ich das recht schnell. Manchmal genügt schon ein Blick auf die zehn oder 20 letzten Tweets, damit die Alarmglocken klingeln.

TechCrunch-Chefredakteur Michael Arrington kam jüngst zu dem Schluss, die Ära, in der sich eine ausschließlich positive Reputation aufrecht erhalten lässt, sei tot. Seiner Ansicht nach sorgt die Transparenz im Internet dafür, dass sich Schwächen von Personen sowie Ereignisse, auf die sie weniger stolz sind, nicht mehr länger vor der Öffentlichkeit verbergen lassen – spätestens dann, wenn das neue und schon jetzt umstrittene US-Startup Unvarnished an Reichweite gewinnt.

Ich glaube, Michael Arrington hat recht. Doch wärend diese Entwicklung von vielen Menschen ein Umdenken erfordert und für den ein oder anderen zu unschönen Überraschungen führen wird, hat diese Transparenz auch ihre Vorteile: Sie kann das Vertrauen zwischen einander unbekannten Menschen erhöhen, indem ausgehend von Vernetzungsgrad und Nutzungsverhalten Rückschlüsse auf die persönliche Integrität möglich sind.

Natürlich heißt das nicht, dass allein das Vorhandensein eines einigermaßen aktuell gehaltenen Twitter-Kontos oder Blogs blindes Vertrauen rechtfertigt. Es lohnt sich immer, nach einem stimmigen Gesamtbild zu suchen und auf den eigenen Verstand zu hören, bevor man sich auf Geschäfte wie das eingangs erwähnte einlässt. Ein gesundes Misstrauen ist hier sicherlich angemessener als naive Gutgläubigkeit. Mit Hilfe des Netzes haben wir heutzutage jedoch mehr Mittel und Werkzeuge an der Hand als jemals zuvor, um Anzeichen dafür zu finden, dass das Misstrauen am Ende doch nicht gerechtfertigt war. Oder dass doch.

Quelle:  netzwertig.com

5 Reaktionen zu “Wie das Netz Vertrauen schafft”

  1. Tweets die Jappy Blog » Blog Archiv » Wie das Netz Vertrauen schafft erwähnt -- Topsy.com

    […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Jappy Blog erwähnt. Jappy Blog sagte: New Blog Post -Wie das Netz Vertrauen schafft- on Jappy Blog you can find it here http://bit.ly/d28Iiw […]

  2. Frank

    klingt nach jemand der sowas wie eBay noch nicht für sich endeckt hat…
    nur doof das gerade bei jappy es weniger vertrauen gibt und dafür mehr und mehr user die sich und ihr profil verstecken.
    wieso eigentlich ?

  3. Petra

    ja warum vestecken die user ihr profil…haben sie was zu verheimlichen…sind es denn die überhaubt die sich für solches ausgeben…da gibt e viele viele fragen die uns nur der jenige der sich versteckt aufklären kann

  4. hope413

    Ich weiß nicht, warum mir beim Lesen dieses Beitrages ausgerechnet das Höhlengleichnis von Platon einfällt. Man könnte aber genausogut auch an die Matrix Trilogie denken. Alles, was wir sehen oder als Realität zu sehen glauben, wird in Frage gestellt, weil sich hinter den Schatten eine ganz andere Wahrheit verbirgt. Fakt ist, es gibt irgendwo den wirklich guten Menschen im Internet, aber weil so viele andere dort unterwegs sind, findet man ihn in der Menge kaum.

  5. KeymanDeluxe

    wer nichts zu verbergen hat muss sich auch nicht verstecken

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